Sprache aktuell – Das Wesen der Dinge ...
 

Letzte Bearbeitung: 26. April 2007

Wesen – wesen

Das Wesen der Dinge – treiben sie gar ihr Unwesen?

Von Gunhild Simon

Das alte Verb wesen (zum Begriff Verb siehe Duden – Grammatische Fachausdrücke – V) begegnet uns nur noch in Form von Ableitungen. Es spiegelt sich wider in Substantivierungen wie Wesen, Unwesen, Gewese, Wesenheit, in Komposita wie anwesend/Anwesenheit, abwesend/Abwesenheit, Anwesen, Hauswesen oder in Wörtern, denen eine Vorsilbe zueigen ist: verwesen, verwest, Verwesung – auch in seinem geläufigsten Überbleibsel gewesen.

Das Verb wesen – mittelhochdeutsch, »sein, sich aufhalten, dauern, geschehen« (Duden: Das Herkunftswörterbuch 2006), »(als Kraft) tätig, wirksam sein« (Wahrig: Die deutsche Rechtschreibung, 2006) – gehört der Vergangenheit an, es ist veraltet. Etwas irritiert nehmen wir es deshalb in altertümlich anmutenden oder liturgischen Texten wahr: wesend.

Am vertrautesten ist die Partizip-II-Form gewesen. Auch als Kompositum in Form eines Partizip I tritt es ganz selbstverständlich auf: an-/abwesend. Als Verb mit einer Vorsilbe versehen hat es eine eigene Bedeutung erlangt: ver-wesen.

Betrachten wir zunächst verwesen

Des sind wir gewiss: Das Sein ist zuende und vergeht. Das Präfix ver- drückt in verwesen metaphorisch den Prozess des Verfalls als »Stellvertretung« des Seins aus.

Die Herkunft des Verbs (ahd. »firewesan« jds. Stelle vertreten) ist in dem befremdlich klingenden Substantiv Verweser mit der Bedeutung Stellvertreter, Verwalter erhalten, denn hier hat ver- den konkreten Sinn anstelle von, für nicht abgelegt.

Aus dem Verb wesen mit der Bedeutung sein erschließt sich gewesen als starke Partizip-II-Form. Das Verb verwesen wird dagegen schwach gebeugt. Sein Partizpip II lautet verwest. Umgekehrt begegnet uns gelegentlich eine entsprechende Form von gewesen: » ... geh, Alter, nimm den Schnappsack, bist auch Soldat gewest!« (Soldatenlied: O, König von Preußen)

Die Substantivierung Wesen

Übertragen ist das Verb erhalten in der Substantivierung Wesen: 1. Geschöpf, Lebewesen, 2. Sosein, (Eigen-)Art, seine Umkehrung Unwesen: verderbliches Tun, vorwiegend in der Wendung sein Unwesen treiben. In der Wendung ein Gewese machen = wichtig machen, Aufmerksamkeit erregen kommt ein weiteres Relikt zum Ausdruck. Ebenso steckt es in dem Begriff Wesenheit. Dagegen begegnet es uns in den Adjektiven oder Adverbien wesentlich, unwesentlich – versehen mit einem Fugen-t (ähnlich wie in eigentlich) oder in Zusammensetzungen wie Rechtswesen, Hauswesen wiederum mit größter Geläufigkeit.

Dass die Form des Praeteritums war eng damit verknüpft ist, erkennt man erst auf den zweiten Blick. Denn war ist dank der Lautverschiebung von s zu r eng mit dem englischen was verküpft, das unverkennbar dem Stamm von gewesen entspricht.

Am Beispiel wesen lässt sich das Verschwinden eines grundlegenden Verbs nachvollziehen. Es lebt weiter in seinen Übertragungen und Zusammensetzungen, am lebendigsten bleibt es erhalten als Partizip II von sein, verborgen erscheint es dagegen in Formen dieses Verbs die sich von war, waren, wäre, wurde, würde ableiten.

Ergänzende Information: Wikipedia »Wesen«

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