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Sprache aktuell – Frühreife ohne Romantik – der ...
21. September 2007
»I believe in miracles«
Foto: Gerd Altmann
(c) pixelio.de
Frühreife
Frühreife ohne Romantik – der direkte Weg zum Hardcore
Von Gunhild Simon
»... Errötend folgt er ihren Spuren
und ist von ihrem Gruß beglückt.
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
womit er seine Liebe schmückt.
O, zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
der ersten Liebe goldne Zeit!
Das Auge sieht den Himmel offen,
es schwelgt das Herz in Seligkeit!«
Über Schillers rückhaltlos romantische Schilderung aufkeimender Gefühle zwischen Mädchen und Knabe kann man lächeln und vielleicht insgeheim auch Rührung empfinden. Die Dramatik der »Glocke« lebt von den Gegensätzen. Folgten nicht diesen Versen der Hingabe und Angerührtheit menschlicher Existenz solche des Leidens und der Bitterkeit als ihrer Kehrseite, wäre all das nur süßliche Schönfärberei.
Sittenverfall oder gesellschaftliche Strukturen
Zu allen Zeiten hat man den Verfall der Sitten beklagt und um den Fortbestand der Kultur gefürchtet, deren Hoffnungsträger die Jugend ist. Sie aber hat das eherne Recht der Abgrenzung und Neudefinition. Soll jetzt diesem Lamento nur eine weitere Strophe hinzugefügt werden, oder gibt es Anlass zur Sorge? Gibt es unüberschaubare gesellschaftliche Strukturen, Strukturen, die sich verselbständigt haben, Strukturen, die sich einer Steuerung entziehen, weil sie sich nicht mehr an den Vereinbarungen des gesellschaftlichen Werteschemas orientieren?
Identitätsmangel ist die Folge fehlender Identifikationsfiguren. Eine wachsende Anzahl unfreiwillig alleinerziehender Mütter sind in ihrer Doppelrolle als Eltern überfordert und suchen Entlastung und Selbstbestätigung in neuen Beziehungen. Sex ist das einzige Tauschmittel, wenn Unabhängigkeit, geistige Kraft und eigene Qualifikation unterentwickelt geblieben sind, fehlen, abhanden gekommen sind. Nicht mehr der Vater ist der Versorger der Familie, sondern der Staat. Die Autorität, die sich aus dem Status des Versorgers ergibt, ist aufgelöst. Die Familie als Integrationsfeld, die Einordnung und Zuordnung, Verantwortung und Rechenschaft erwartet und vergibt, ist beschädigt. Familie ist, ähnlich wie der Lebensabschnittsgefährte, eine leichte, vergängliche Institution geworden, sie hat an Gewichtigkeit und sozialem Hintergrund verloren. Aber hat sie wirklich an Bedeutung verloren?
Von stumpfer Berieselung zu ungefilterter Konfrontation
War der Fernseher rund um die Uhr mit dem Unterschichts- und Prekariatsprogramm, einem Verschnitt aus platter Talkshow, seichtem Gefühlsmatsch, Fernost-Comic oder -Fantasy und Sex-and-Crime-Produktionen, schon seit langem der »Babysitter«, der Kommunikationsersatz, wenn Zeit, Lust, Phantasie, Engagement, Interesse für den Nachwuchs fehlten, so hat nun das Internet mit seinen unerschöpflichen Quellen für pornographische Stimulation die Reizschwelle erhöht, die Inhalte verändert, die Situation verschärft. Abstumpfung, Verrohung und sexuelle Verwahrlosung fangen schon zu Hause an, weil Sexualität unter dem Einfluss von Pornographie ihre Dimension von Zärtlichkeit und Zuwendung einbüßt.
Die Beeinträchtigung kindlicher Sphäre durch den Verlust erwachsener Diskretion
Kinder sind lernfähig. Kinder sind anpassungsfähig. Sie lernen, was in ihrem Leben vorteilhaft ist, um nicht unterzugehen. Wenn Kleinkinder schon im Kindergartenalter krähen »Ich f... deine Alte!«, ohne die Bedeutung zu begreifen, ohne dass sich jemand nennenswert dadurch beeindruckt zeigt, wenn Kinder zu selbverständlichen Zeugen von häuslichen Sexszenen gemacht werden, wenn kaum dem Grundschulalter entwachsene Mädchen verunsichert sind, ob sie noch normal seien, dass sie noch keinen Sex gehabt hätten, wenn Gruppensex, der Mädchen in die Opferrolle nötigt, Erniedrigung und Selbsterniedrigung von Mädchen zur Freizeitbeschäftigung werden, dann haben sich Erwachsene etwas vorzuwerfen: Kinder dürfen nicht zu Wegwerfgütern werden, nur dazu nütze, Kindergeld und Sozialhilfe sicherzustellen, weil Initiative, Leistungsbereitschaft und Kreativität keine erreichbaren Qualitäten mehr sind.
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